Susanne und Ursula während eines Examens


Paola während des Unterrichts

Wilmer spielt seinen Schülern ein neues Stück vor


Música en los Barrios - Nicaragua 2005

Musica en los Barrios (MelB)

Entwicklungen in 2005

Im November 2004 und im August 2005 wurde die ersten Kinder bei Flautando Köln geboren. Aus diesem Grunde fand 2005 zum ersten Mal seit 8 Jahren keine Reise nach Nicaragua statt. Der Kontakt wurde in dieser Zeit haupsächlich über e-mail und Videoaufzeichnungen aufrecht erhalten.

Natürlich haben wir aber alle Entwicklungen bei MelB aufmerksam verfolgt, und derer gab es einige!

Seit 2005 hat MelB ein neues und größeres Büro und auch Probenräume für die Ensembles. Das Projekt ist ausgezogen aus den Räumlichkeiten des „centro cultural Batahola“ und hat Räume der Biblioteca aleman-nicaraguense (einem weiteren pan yarte Projekt) angemietet, die zu diesem Zwecke extra neu gebaut wurden.

MelB ist mittlerweile ein fester Bestandteil des nicaraguanischen Musiklebens. Dies zeigt sich u.a. auch daran, das das Ensemble der profes nun regelmäßig mit großem Erfolg bei der „semana de la musica clasica“, also der „Woche der klassischen Musik“ im „Teatro nacional“ auftritt. Bei diesem Festival präsentieren sich alle wichtigen Orchster und Gruppen Nicaraguas wie z.B. das Orquesta nacional, oder das Kammerensemble „camerata Bach“, dessen Mitglieder z.T. auch in Deutschland studiert haben.

Seit 2005 veranstalten die profes von MelB auch regelmäßig Kinderkonzerte im teatro nacional, die sogenannten conciertos didacticos, in denen sie mit viel Liebe und Freude den Kindern, die Blockflöte, verschiedene Komponisten und Inhalte der Musik vorstellen. Diese Konzerte sind immer gut besucht und haben schon viele Kinder dazu animiert nun auch selber Blockflöte zu lernen.

Ein weiterer wichtiges Baustein ist das Projekt den Musikunterricht nun auch in anderen Gebieten Nicaraguas anzubieten. Dazu zwei kurze Berichte aus Nicaragua:

1. Musik an vergessenen Orten

„Ich habe mir immer gewünscht, in dem kleinen Dorf, aus dem ich stamme, Musik zu unterrichten, aber ich hätte mir nie träumen lassen, dass das einmal Wirklichkeit wird!“ German Carcache (26) kann es immer noch nicht glauben. Er gehört zu insgesamt acht jungen Lehrern, die seit diesem Jahr bei ‘Música en los Barrios’ unterrichten – aber nicht in Managua, sondern in den Städten Estelí, Jinotega, Matagalpa und Rivas sowie in je einem umliegenden Dorf. Dank Mittel der Schweizer Entwicklungshilfe COSUDE ist es möglich, ‘Música en los Barrios’ auf diese Regionen in ganz Nicaragua auszuweiten. „Die Kinder in meinem Dorf wussten bald, dass ich zum Musiklehrer ausgebildet werde. Ab da haben sie immer gefragt, wann ich denn endlich mit dem Unterricht beginne“, berichtet German lächelnd. Seit Anfang September unterrichtet er nun 24 Kinder in seinem Dorf.

Bevor die jungen Lehrer aber mit dem Musikunterricht anfangen durften, lag viel Arbeit vor ihnen. Alle hatten zwar Vorkenntnisse, doch die wenigsten konnten z.B. Noten lesen. „Sie haben sich wirklich ins Zeug gelegt“, weiß Paola Moreira (24), die bei ‘Música en los Barrios’ in Managua als Lehrerin arbeitet und zusammen mit Melida Fonseca (57) die Koordination dieser Ausweitung des Projekts auf ganz Nicaragua übernommen hat. Und auch der Schweizer Dirigent Urs Leonhardt Steiner, der seit fast acht Jahren das Projekt ‘Música en los Barrios’ unterstützt, ist stolz: „In wenigen Monaten haben diese jungen Lehrer gelernt, Noten zu lesen, Blockflöte zu spielen und zu dirigieren. Außerdem gab es viele Lieder, Bewegungsspiele und sonstiges Material, das sie lernen mussten. Zudem wurden sie in das Unterrichtssystem von ‘Música en los Barrios’ eingeführt, das sich auf verschiedene Stufen und Prüfungen stützt. Am Ende dieser intensiven Ausbildung haben alle eine Prüfung abgelegt, die sie berechtigt, in ihren Städten und Dörfern als ‘Música’-Lehrer zu arbeiten.“ Urs Steiner ist sich sicher: „Wo es so viel Engagement gibt, ist der Erfolg schon fast vorprogrammiert.“ Dreimal im Jahr kommt er mittlerweile nach Nicaragua und schaut sich auch den Unterricht der einzelnen Lehrer des Projekts an. „Was ich bisher von unseren 'Neuen' gesehen habe, war wirklich ausgezeichnet.“

Bei ihrem Unterricht werden die acht neuen Lehrer aber noch nicht ganz allein gelassen. Zweimal im Monat fahren die erfahrenen ‘Música’-Lehrer Wilmer López (25) und Israel Huerta (22) in die Departamentos (Regionen) und stehen den Neuen mit Rat und Tat zur Seite. Auch Paola Moreira und Melida Fonseca, die beiden Koordinatorinnen, sind immer wieder unterwegs und helfen, wo sie können. „Es ist unbeschreiblich“, berichtet Paola Moreira von ihren Erfahrungen. „Diese Gesichter der Menschen, denen wir begegnen! Nie hätten sie gedacht, dass jemand in ihr Dorf kommen könnte, um ihren Kindern Musikunterricht zu geben. Wir fahren in Ecken unseres Landes, wo es sonst einfach nichts gibt. Das waren vergessene Orte...“

288 Kinder in acht verschiedenen Orten bekommen heute dank dieser Ausweitung von ‘Música’ Musikunterricht. Ein Schritt in die richtige Richtung.

2. Flöten auf Abenteuerreise

Für die Kinder im Dorf „El Regadío“ im Departamento Matagalpa war es ein ganz besonderer Moment. Zum ersten Mal hielten sie ihre neuen Flöten in der Hand! Paola Moreira und Melida Fonseca aus Managua sind für die Koordination der neuen Regionen, in denen ‘Música en los Barrios’ seit diesem Jahr Unterricht anbietet, verantwortlich. Um den Kindern ihre Instrumente zu bringen, hatten sie eine richtige Abenteuerreise hinter sich.

Ein ganzes Wochenende lang fuhren sie Anfang September von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf, um die neuen Lehrer zu treffen, Instrumente und Notenständer zu verteilen und den Verantwortlichen in den Dörfern ihre Aufgaben zu erklären. „Wenn es nur nicht so stark geregnet hätte!“, seufzt Melida Fonseca. Bei der Fahrt zum Dorf „El Regadío“, eine dreiviertel Stunde von Estelí entfernt, musste sich der Pickup z.B. durch starke Regenschauer und Schlammstraßen mit großen Schlaglöchern kämpfen. Die schöne Landschaft im Norden Nicaraguas war bei solch einer Fahrt gar nicht zu würdigen. Auch die Fahrt zum Dorf „El Yaulito“ im Departamento Matagalpa ist jedes Mal ein Abenteuer: Die letzte Strecke zum Dorf müssen Besucher per Pferd zurücklegen. Paola Moreira und Melida Fonseca nehmen solche aber auf die leichte Schulter. Denn auch viele Kinder, besonders aus den ländlichen Gebieten, nehmen große Strapazen auf sich, um zum Musikunterricht zu kommen. Manche brauchen mehr als eine halbe Stunde bis zum Unterrichtsort. Wenn es sehr stark regnet, was in der Regenzeit oft vorkommt, schwellen die Flüsse an und einige Wege sind überhaupt nicht mehr passierbar. „Wenn ich an die Kinder denke, manchmal weite Strecken laufen müssen, um zum Unterricht zu kommen, machen mir solche Fahrten fast nichts mehr aus“, lächelt Melida Fonseca.

Alle Beteiligten sind sich einig: Die Mühe lohnt sich! Auch die Eltern sind sich sicher: „Unsere Kinder haben das Recht, neue Horizonte zu entdecken. Deshalb unterstützen wir die Arbeit dieser jungen Lehrer aus ganzem Herzen. Wer weiß, vielleicht können unsere Kinder sogar eines Tages selbst Lehrer werden!“

Es bewegt sich also sehr viel bei MelB und wir freuen uns diese Menschen auf ihrem spannenden Weg ein Stück weit begleiten zu dürfen!